Es ist ein Skandal, es ist fast schon geschmacklos, ungeheuerlich und sowieso einfach eine Frechheit. Facebook hat 310.000 User missbraucht… zumindest ihre Newsfeeds, um im Rahmen einer psychologischen Studie Informationen über das Nutzerverhalten zu bekommen. Was schon vor vier Wochen publik wurde, ist erst jetzt zum großen Aufreger mutiert. Dabei läuft die WM in Brasilien doch noch und das Sommerloch ist noch gar nicht da. Fakt ist: Facebook hat einigen Nutzerinnen und Nutzer absichtlich den Newsfeed nicht so angezeigt, wie es eigentlich hätte sein müssen. Die Empörung ist groß und alle beschweren sich, wie hinterhältig das doch ist. Aber zieht irgendjemand Konsequenzen und verlässt Facebook? Nein. Und genau das ist das eigentliche Problem.

Facebook manipulierte 310.000 Newsfeeds, User sind empört. Konsequenzen? Fehlanzeige!

Zu viele Lippenbekenntnisse

Es geht nicht darum, ob Facebook die Aufbereitung und Anzeige von Inhalten manipuliert. Es geht auch nicht darum, ob das verwerflich ist oder nicht. Grundsätzlich geht es eigentlich nur darum, wie man selbst darauf reagiert – und ob man darauf überhaupt reagiert.

Schon vor vier Wochen wurde bekannt, dass es im Januar 2012 ein „Experiment“ gab. Dabei sollte festgestellt werden, wie sich die emotionale Stimmung im Facebook-Newsfeed auf das Gemüt der Nutzerinnen und Nutzer auswirkt.

Also schuf man zwei Gruppen: eine Gruppe sah nur überwiegend positive Meldungen im eigenen Newsfeed, bei der anderen Gruppe gab es dagegen überwiegend negative Meldungen zu sehen.

Facebook hat manipuliert

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Das Experiment fand unter englischsprachigen Nutzerinnen und Nutzern statt, inklusive Kontrollgruppe waren insgesamt 689.003 User auf Facebook betroffen. Ein alter Hut, möchte man denken, doch irgendwie kam es jetzt (mehr als zwei Jahre später) doch zu Unmutsäußerungen.

Manche Dinge brauchen ihre Zeit, bis sie „groß“ werden und so verhält es sich dann auch mit den negativen Reaktionen auf das Facebook-Experiment. Und obwohl beteuert wird, dass es sich um das bisher einzige Experiment dieser Art auf Facebook gehandelt hat, reißen die Beschwerden nicht ab.

Nun gibt es ein Problem: ja, Facebook hat in Kooperation mit einigen Forschern grundsätzlich gesehen das Vertrauen einiger User missbraucht, denn die hauptsächliche Informationsquelle, der Newsfeed, wurde manipuliert.

Konsequenzen werden nicht gezogen

Das ist so, als würde man jeden Morgen absichtlich eine Zeitung auf den Frühstückstisch bekommen, indem die eigentlichen Nachrichten auf eine bestimmte Weise angepasst wurden. Ich kann verstehen, dass niemand das will.

Allerdings ist es nun so, dass jeder vernünftige Mensch diese Zeitung sofort abbestellen würde. Warum? Weil sie schlicht und ergreifend falsche Informationen transportiert. Und wer will sich schon für dumm verkaufen lassen?

Auf Facebook verhält sich die Sache jetzt allerdings anders. Der Tatbestand wird bekannt, es gibt viel Aufregung, auf Facebook machen empörte Postings die Runde und viele sagen, es sei eine Frechheit, was dort geschehe. Doch gibt es irgendwelche Konsequenzen? Nein.

Wie weit kann Facebook gehen?

Die eigentlich korrekte Reaktion wäre, Facebook zu verlassen. Nicht nur aus dem Grund, weil das Vertrauen missbraucht wurde, sondern primär deshalb, weil man als betroffener User absichtlich falsch informiert wurde. Doch was passiert? Ein Sturm der Entrüstung fegt durch Facebook, alle lesen sich die Story kurz durch, denken sich ihren Teil und posten eventuell auch noch ein Update, wie schlimm das ja alles sei.

Ich hatte am vergangenen Sonntag schon einen Post zu diesem Thema auf Facebook veröffentlicht und die treffendste Reaktion darauf war dieser Kommentar: „Wie war das mit der Herde Kühe? Wenn es irgendwo kracht schauen sie auf, grasen aber zwei Minuten später wieder gemütlich weiter.“ Selbstverständlich sind Facebook-User nicht mit Kühen gleichzusetzen, aber dieser Vergleich trägt doch erschreckend viel Wahrheit in sich.

Dazu muss man sagen: nicht nur auf Facebook ist das so, es scheint uns Menschen im Blut zu liegen, uns gern über solche Dinge aufzuregen, aber dennoch nichts gegen sie zu unternehmen. Aus meiner Sicht hat das alles mit der persönlichen Komfortzone zu tun. Grundsätzlich ist es so, dass die Schmerzgrenze einfach noch nicht erreicht ist. Facebook könnte sich noch viel mehr erlauben, bis die User dann endgültig das Weite suchen würden.

Auch Google „manipuliert“

Dieser „Skandal“ wird auf jeden Fall nicht dazu führen. Als Facebook-User muss man sich ganz kritisch den Spiegel vor das eigene Gesicht halten und sich fragen: „Bin ich bereit, eine solche Manipulation meines Informationsflusses hinzunehmen?“ Wenn die Antwort „Nein“ lautet, dass muss man handeln und Facebook eigentlich verlassen.

Nimmt man es aber hin und versucht nicht, irgendeine Änderung herbeizuführen, dann sollte man den Mund halten und in der eigenen Komfortzone verweilen. Es gibt tausende andere Wege, sich über interessante Dinge aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zu informieren. Sich aber zu beschweren, wie schlimm die Dinge sind, um dann einfach weiterzumachen… das ist schon fast grob fahrlässig.

Übrigens: nicht nur Facebook „manipuliert“ seine User. Wenn man es ganz genau nimmt, dann tut Google das seit es Google gibt. Indem der Algorithmus immer wieder „angepasst“ wird, um den Nutzerinnen und Nutzern „bessere Ergebnisse“ zu zeigen, manipuliert Google die persönliche Sicht auf die Informationen, die grundsätzlich bereit stehen. Gibt es deswegen einen Sturm der Entrüstung?

Emotionale Neutralität ist nicht möglich

Der Algorithmus von Facebook an sich ist ein Stück weit manipulativ, weil er nicht alles zeigen kann, was uns tendenziell interessieren könnte. Dazu gehören auch die Anzeigen von überwiegend emotional positiven und überwiegend emotional negativen Inhalten. Diese „Manipulation“ läuft allerdings nicht im Rahmen eines Forschungsprojekts, sondern ganz normal, jeden Tag, standardmäßig.

Jede Boulevard-Zeitung manipuliert die subjektive Wahrnehmung unserer Informationen. Und auch im Freundes- und Bekanntenkreis gibt es „Manipulationen“ von Informationen – je nachdem, wer wem etwas aus welchem Blickwinkel erzählt. Die komplette Neutralität kann es nicht geben, schon gar nicht auf emotionaler Basis.

Viele Nutzerinnen und Nutzer sind von der Sortierung des Newsfeed ohnehin nicht begeistert und wünschen sich schlicht und ergreifend, dass sie immer die aktuellsten Informationen bekommen. Andere User wollen sogar grundsätzlich nur das sehen, was der Algorithmus ihnen vorenthält – sie benötigen also eigentlich gar keine Sortierung.

Nach wie vor mangelnde Medienkompetenz

Vor allem in sozialen Netzwerken und anderen Plattformen, die Informationen mittels mathematischen Algorithmen sortieren, sollte heutzutage klar sein, dass dort keine Neutralität herrschen kann. Wer das nicht einsieht, sich darüber beschwert, trotzdem aber nichts dagegen tut, lebt meiner Ansicht nach nicht in dieser (digitalen) Welt.

Informations-Neutralität ist nach wie vor möglich, wenn man sich selbst darum bemüht, Informationen aus erster Hand zu bekommen. Das klappt im privaten Umfeld sehr gut (indem man einfach das persönliche Gespräch sucht), ist aber auch nicht schwer, wenn man Informationen von Firmen oder Veranstaltungen haben will. Der aktuelle „Facebook-Skandal“ zeigt leider erneut, dass viel mit dem grundsätzlichen Problem der mangelnden Medienkompetenz zusammenhängt.

Mit der immer schnelleren Entwicklung hin zur digitalen Informationsgesellschaft drängt sich mir auch immer wieder der Verdacht auf, dass Teile der Gesellschaft bei diesem wichtigen Punkt auf der Strecke bleiben könnten. Zu einem subjektiv verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien wie Facebook gehört auch die Bereitschaft, selbst zu reflektieren und gegebenenfalls die eigene Komfortzone zu verlassen – auch wenn das schmerzhaft ist.